Der permanente Neustart
Die CDU steckt in einer tiefen Vertrauenskrise, die Linken haben eine große Chance vertan.
Inwieweit sich das Desaster für Union und FDP bei der Wahl des Bundespräsidenten in der vergangenen Woche langfristig auswirkt, werden wir noch sehen. Dennoch hat der 30. Juni gezeigt, wie zerrüttet die Koalition tatsächlich ist. Wenn 40 Wahlmänner und –Frauen dem eigenen Kandidaten die Stimme versagen, dann bedeutet das auch einen großen Autoritätsverlust für Angela Merkel. Es ist fast schon erschreckend mitanzusehen: Die Bundeskanzlerin hat ihren eigenen Laden nicht im Griff.
Es ist im Vorfeld der Bundesversammlung viel über die die Freiheit der Wahl gesprochen worden und das natürlich zu recht. Das Kreuz macht man am Ende immer allein. Einen tatsächlichen Fraktionszwang gibt es nicht. Gerade deshalb sind solche geheimen Abstimmungen ein Barometer für die Überzeugungskraft und den Rückhalt einer Parteiführung. Versagen ihr die Anhänger die Gefolgschaft, dann stimmt etwas nicht. Führungsstil und die eigenen Entscheidungen stehen in Frage.
Eigentlich wollte die schwarz-gelbe Regierung am 30. Juni durchstarten, neu anfangen, neue Geschlossenheit beweisen. Wieder einmal ist der Neuanfang missglückt. Der permanente Neustart geht weiter.
Auch die Linkspartei ist denkbar unvorbereitet in die Bundesversammlung gegangen – offenbar in der Hoffnung, sich niemals zwischen ihrer Kandidatin und Joachim Gauck entscheiden zu müssen. Als wir auf den Fluren des Reichstages auf das Abstimmungsergebnis gewartet haben, habe ich mit einigen Linken gesprochen. Sie alle sagten: Wir wählen Herrn Gauck auf keinen Fall und entschieden sich damit indirekt für Herrn Wulff. Im ersten Wahlgang hätte es mit ihren Stimmen eine Mehrheit für Joachim Gauck gegeben. Im dritten Wahlgang hingegen haben sie durch ihre Enthaltung klar gemacht, wo sie stehen: Sie haben billigend im Kauf genommen, dass Wulff und nicht Joachim Gauck Präsident wird. Ausgerechnet die Linkspartei, die sich immer wieder darauf beruft, im Namen der Mehrheit der Bevölkerung zu sprechen, hat die Wünsche vieler Menschen missachtet. Sie haben eine große Chance vertan.
:: Frank Hofmann | Veröffentlicht am 6. Juli 2010 zum Thema Parlament | Keine Kommentare ::