Die Ereignisse um das defekte Kühlrohr im AKW Grafenrheinfeld zeigen: Die bayerische Atomaufsicht hat versagt: Sie kann den sicheren Betrieb von Kernkraftwerken nicht gewährleisten.
Ein undichtes Kühlsystem in einem Atomkraftwerk. In meinem Wahlkreis. Nichts hat mich im vergangenen halben Jahr so sehr beschäftigt wie der Störfall im Kernkraftwerk Grafenrheinfeld, der aus Sicht der bayerischen Staatsregierung zunächst überhaupt keiner war. „Nicht der Rede wert“, haben die Beamten gesagt und den Vorfall tief in den Akten vergraben.
In den letzten sechs Monaten habe ich gelernt, dass man der bayerischen Atomaufsicht nicht vertrauen kann. Obwohl sie nach damaligem Kenntnisstand davon ausgehen musste, dass der Kühlkreislauf in Grafenrheinfeld möglicherweise schwer beschädigt war, ließ sie das Atomkraftwerk einfach weiterlaufen. Sie riskierte Leben und Gesundheit der Bevölkerung, um es sich mit dem Betreiber E.ON nicht zu verscherzen.
Die vergangenen Monate werfen ein schlechtes Licht auf den Kernkraftbetreiber, das bayerische Umweltministerium, den TÜV Süd und nicht zuletzt auch die Reaktorsicherheitskommission. Statt die Fehler klar zu benennen, ließ sie sich von der schwarz-gelben Regierung instrumentalisieren.
Alles begann im Sommer des vergangenen Jahres. Bei einer Routineuntersuchung im Kernkraftwerk Grafenrheinfeld stellten Mitarbeiter ungewöhnliche Ultraschallwerte bei einem der Kühlrohre in der Nähe des Reaktors fest. Die Daten wurden untersucht, doch keiner konnte sie sich genau erklären. Nur eine Vermutung hatten die Mitarbeiter bei E.ON und im mittlerweile informierten bayerischen Umweltministerium: Es handelte sich wahrscheinlich um einen Riss – und er wurde immer größer.
Eine ernstzunehmende Gefahr. Schon bei einer Risstiefe von 16 bis 19 Millimetern könnte das Rohr undicht werden. In der Folge würde Radioaktivität austreten. Die Strahlenbelastung in der Umgebung stiege dramatisch.
Aber wann würde es soweit sein? In einem Monat? In einem Jahr? In fünf Jahren?. .„Zur Durchführung einer Risswachstumsberechnung ist die Kenntnis aller […] Einwirkungen […] sowie die Kenntnis über den zu unterstellenden Schädigungsmechanismus erforderlich“, schreiben die Experten des Bundesumweltministeriums am 5. Mai auf eine unserer Nachfragen. Mit anderen Worten: Ohne sich das Rohr genau anzusehen, kann man die Gefahr nicht wirklich einschätzen.
Doch einfach nachschauen, geht nicht so einfach. Das Rohr liegt mitten im Reaktorgebäude, ganz in der Nähe der strahlenden Brennstäbe. Sich dort aufzuhalten ist bei eingeschaltetem Kraftwerk sehr gefährlich.
Die Bayerische Atomaufsichtsbehörde, unter der Leitung von Umweltminister Söder, stand also vor einer Entscheidung. Um dem Verdacht nachzugehen, hätte sie die Abschaltung des Atomkraftwerks verfügen müssen. Die Folge: Umsatzverluste für E.ON, denn ein stillgelegtes Kraftwerk produziert keinen Strom, den man anschließend verkaufen kann. Ein Zustand, der lange hätte andauern können, denn Ersatzrohre für Kernkraftwerke gibt es nicht einfach bei Obi. Sie müssen aufwendig hergestellt werden. Das dauert lange.
Schmerzlich, aber nicht zu ändern. Aus meiner und der Sicht vieler Experten wäre die Abschaltung hier zwingend notwendig gewesen, um eine Gefährdung ausschließen zu können.
Die Bayerische Staatsregierung wollte das aber nicht. Sie beschloss, einfach nichts zu tun. Erst 2012 sollten die Ultraschallwerte noch einmal überprüft werden. Dabei berief sie sich auf ein in der Fachwelt mittlerweile umstrittenes Gutachten des TÜVs Süd. Dessen Mitarbeiter hatten die Ursache des Risses zwar nicht untersucht, kamen aber dennoch zu einer kuriosen Empfehlung: Der Riss würde mit Sicherheit nicht mehr als 0,15 Millimeter im Jahr wachsen. Eine Einschätzung, die laut der Materialprüfanstalt der Universität Stuttgart lediglich auf Vermutungen, nicht aber auf Kenntnissen beruhte.
Die Bayerische Staatsregierung riskierte also Leben und Gesundheit der Bevölkerung auf der Basis von Vermutungen. „Es wird schon nicht so schlimm kommen“ – mit dieser skandalösen Haltung ließen die Beamten den Vorfall auf sich beruhen. Aus dem eigentlich meldepflichtigen Ereignis wurde durch bürokratische Trickserei eine kaum beachtete Aktennotiz im bayerischen Verwaltungsapparat.
War sich die bayerische Atomaufsicht im Klaren, was sie da tat? War sie wirklich bereit auf dem Rücken der Bevölkerung ein Glücksspiel zu veranstalten? Mit möglicherweise dramatischen Folgen? Darauf deutet einiges hin. Denn offenbar hatte man sich im Umweltministerium über mögliche Konsequenzen bereits Gedanken gemacht.
„Ein Kühlmittelverluststörfall an der betrachteten Stelle“ hätte „beherrscht“ werden können, erläutert die Staatsregierung ihre Entscheidung von damals. Eine orwellsche Neusprechformulierung. „Das heißt, die Störplanungswerte nach $49 Strahlenschutzverordnung würden eingehalten“, erläutert das Bundesumweltministerium in einer schriftlichen Stellungnahme (Antwort des Staatsekretärs Jürgen Becker auf die schriftliche Anfrage vom 29. April 2011).
„Beherrschbar“ wäre es also aus Sicht der Mitarbeiter von Umweltminister Söder gewesen, wenn die Anwohner in Grafenrheinfeld mit einer effektiven Strahlendosis von 50 Millisievert belastet worden wären. An Schilddrüse und Augenlinse hätten die Werte sogar 150, an Haut, Händen, Unterarmen, Füßen und Knöcheln 500 Millisievert betragen dürfen. Zum Vergleich: Die maximal empfohlene Belastung für Angestellte in einem Atomkraftwerk liegt laut Bundesamt für Strahlenschutz bei 20 Millisievert – in einem ganzen Jahr (http://www.bfs.de/de/ion/beruf_schutz/grenzwerte.html).
Ein eiskalt kalkuliertes Risiko. Auf dem Rücken der Bevölkerung. Was ist in den Köpfen der Verantwortlichen nur vorgegangen?
Offenbar nur durch Zufall erfuhren davon schließlich die Beamten des Bundesumweltministeriums, vor dem die Staatsregierung den Vorfall versucht hatte geheimzuhalten. Sie forderten die Unterlagen an, analysierten das Gutachten und hätten die Staatsregierung dem Vernehmen nach fast dazu gebracht, das Abschalten des Kraftwerks zu verfügen. Doch dann schaltete sich die politische Führung des Bundesumweltministeriums ein. Weil man die Koalitionspartner in Bayern nicht brüskieren wollte, wurden die eigenen Mitarbeiter zurückgepfiffen.
Händeringend suchte man nach einem Weg, Grafenrheinfeld zumindest bis zur routinemäßigen Wartung in diesem Frühjahr weiterlaufen zu lassen. Mehr als halbherzig befasste sich schließlich im Dezember die Reaktorsicherheitskommission mit dem Vorgang. Die Erklärung des Bundesumweltministeriums dazu liest sich wie in einem Satire-Roman: Die RSK befasste sich zwar ebenfalls nicht mit dem Schaden am Rohr an sich, stattdessen „wurde ein Meinungsbild darüber abgefragt, ob ein sicherer Betrieb der Anlage bis zur anstehenden Revision im März 2011 […] gewährleistet sei.“
Der Bundesumweltminister veranstaltete eine Meinungsumfrage. Unter dem Tagesordnungspunkt „Verschiedenes“ sollten die Mitglieder der Kommission ihre Einschätzungen abgeben, ohne die geeigneten Unterlagen gelesen oder sich konkret mit dem Fall, geschweige denn der Schadensursache befasst zu haben. Auch ihre Empfehlung basierte lediglich auf Vermutungen. Renommierte Wissenschaftler stellten sich in den Dienst der politischen Sache der CDU/CSU. Sie waren nicht besser, als die Atomaufsicht in Bayern.
Am Ende haben wir alle großes Glück gehabt. In den vergangenen Tagen ist das Rohr ausgebaut worden. Gefunden wurde zwar ein Riss, aber zum Glück viel kleiner, als selbst die Mitarbeiter beim TÜV vermutet hatten. Dennoch bin ich alles andere als beruhigt. Denn ich habe in den vergangenen Monaten gelernt, auf welcher Grundlage die bayerische Atomaufsicht ihre Entscheidungen trifft: Nämlich gar keiner. Statt sich um Fakten zu kümmern, geht es ihr um Geld und Politik.
Die Bundesregierung hat einen Großteil der deutschen Atomkraftwerke vom Netz genommen. Andere sind derzeit in Revision und deshalb abgeschaltet, dazu gehört auch Grafenrheinfeld. Dabei sollte es bleiben. Wenn man nicht mal mehr der Atomaufsicht vertrauen kann, ist das die einzige Lösung.